Die Bayreuther Festspiele: Ein Seismograph deutscher Befindlichkeit
Die Bayreuther Festspiele feiern 2026 ihren 150. Geburtstag. Seit der Gründung sind sie ein „Seismograph deutscher Befindlichkeit“ (Udo Bermbach), aber auch ein Brennspiegel ästhetischer Prozesse. Das Buch zeigt, wie und warum sich Sinnhorizonte bei den Festspielen verschoben haben. Es beschreibt, wie und warum sich der Umgang mit Wagner diesseits und jenseits der Bühne verändert hat – teils radikal, teils moderat und fast unmerklich.
Die 25 Kapitel des Buches widmen sich zentralen Aspekten der Festspiele unter neuen Blickwinkeln und oft auf der Basis unveröffentlichter Dokumente. Zahlreiche Quellen werden erstmals ausgewertet – aus dem Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, aus weiteren Archiven sowie aus privaten Nachlässen. Dazu gehört die Korrespondenz mit weltberühmten Dirigenten (Herbert von Karajan, Wolfgang Sawallisch, Pierre Boulez und vielen anderen). Auch durch Quellen zur Regie von Heinz Tietjen und dem legendären „Neubayreuth“ bis hin zu den Inszenierungen von Patrice Chéreau oder Götz Friedrich ergeben sich ungewohnte Perspektiven. Briefe, Briefentwürfe, Tagebücher, Protokolle und Berichte werden dabei ebenso einbezogen wie Dirigierpartituren, Regiebücher und Tonaufnahmen. Der Fragehorizont reicht von Wagners eigener Einstudierung des „Rings“ 1876 bis in die Gegenwart. Dass dabei auch Wandlungen des Wagner-Gesangs eine Rolle spielen, versteht sich von selbst.
So entsteht ein facettenreiches und vielfach auch neues Bild der Festspiele von der Zeit Richard und Cosima Wagners bis zu jüngsten Produktionen von Barrie Kosky und Tobias Kratzer. Es zeigt sich: Bayreuth ist stets das Besondere und das Allgemeine zugleich, von Menschen gemacht, gefeiert, kritisiert, verdammt.
Der Leser erlebt die Geschichte der Festspiele als in sich heterogen, aus vielfältigsten Perspektiven zusammengesetzt, bisweilen verwirrend, aber aufregend und bereichernd – und immer im Kontext des politischen und kulturellen Geschehens, nicht nur in den Zeiten des Nationalsozialismus.
Inhaltsverzeichnis (Auswahl)
Kapitel 1: Einführung
- Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte
- Suchbewegungen, oder: Schatten gehören dazu
- Geschäfte, Geschichte und Geleitschutz: Zum Verständnis der Quellen
- Erdachte Zukunft: Warum der Schwerpunkt »Dirigenten in Neubayreuth«?
Kapitel 2: Zwischen Experiment und Institution: Voraussetzungen
- Eine verspätete Selbstfindung
- Matrix, Modelle, Metamorphosen
- Alle Jahre wieder, alle Jahre neu: Kanon und Kult
- Verantwortung und Verantwortlichkeit: Das Beispiel Schlingensief
- Zum Wechselspiel von Pflicht und Verantwortung
- Zumutung und Zuspruch: Ein Versuch mit Derrida
Kapitel 3: Neue Musik: Der Ring des Nibelungen in der Werkstatt (1876–1937)
- Erwartung, oder: Wie Richard Wagner die Gutrune-Szene probte
- Verstehen und verstanden werden: Mitschriften, Lesarten, Einrichtungen
- Zwischen Ideal und Notlösung: Was sagen uns die Ring-Partituren von Felix Mottl?
- »Wie die Verkündigung einer neuen Religion«: Tempo und Agogik I
- Bloß keine Sentimentalitäten: Tempo und Agogik II
- Versuche der Verdichtung: Musik und Szene
- Siegfried schützen: Artikulation und Dynamik
Kapitel 4: Von Richard Wagner zu Cosima Wagner: Ästhetische und ideologische Transferprozesse
- Novalis und die Nornen: Über die Arbeit mit der Zeit
- Zeitkontinuum: Festspiele als »Offenbarung«
- Gegenwart als Gegenwelt: »Einstilisieren« der Szene
- Musikalische Aspekte des »Bayreuther Stils«
- Der skeptische Wagnerianer: Hans Sommer als Zeuge des frühen Bayreuth
- Metapolitik und Festspielpolitik: Antisemitismus als Regulativ
Kapitel 5: »Die Stimme ist nicht unsichtbar«: Wagner-Gesang im Wandel
(Hinweis: Im Original als Kapitel 6 nummeriert, hier logisch angepasst)
- »Zart und süß«: Geschlechterbilder, Zuschreibungen, Zeitsprünge
- Richard Wagner und der »eigentliche Gesang«
- Sprechen, Singen, Zeigen, Meinen
- Von »Sängerdarstellern« und »Stimmgräbern«: Paradigmenwechsel
- Wortklang und Wortsinn: Zwei Siegfried-Stimmen im Vergleich
Kapitel 6: Im Schatten der Orthodoxie: Bayreuth 1918–1930
- Suprematie-Anspruch und Werkbegriff
- Kontroverse zum Neustart: Siegfried Wagner und die Juden
- »Erkennen, wozu man sich bekennt«, oder: Wer war Siegmund Skraup?
Kapitel 7: »Unbeeinflusst von irgendwelchen politischen Ereignissen«: Heinz Tietjen
- Meister der Machtwechsel: Heinz Tietjen als Diskursgegenstand
- 39 Jahre Vorgeschichte: Wie Tietjen nach Bayreuth kam
- »Wille des Werkes«: Kunst, Politik und die Illusion der Immunität
- Abstraktion und Konkretion: Zur Szene bei Tietjen und Preetorius
Kapitel 8: Drei Dokumente zur Arbeit an Tristan und Isolde
- »Epos in Musik«: Tietjens Umgang mit Leitmotiven und Heroismen
- »Nicht zu schnell, nicht zu langsam«: Furtwänglers Tristan-Partitur
- »Ophelia«: Wie Frida Leider die Rolle der Isolde verstand
Anhang / Zwischenteil
Kapitel 9: Das Ungesagte und das Ungefragte: »Neubayreuth« zwischen Latenz und Entelechie
- Bayreuth holt auf: Plurale Zeitvorstellungen, Kunst als Prozess
- Wieland Wagner als Kippfigur
- Wurzelstöcke und Werkentdeckung
- Parsifal als szenisches Bezugssystem
- Je nach Bedarf: Wieland Wagner und Heinz Tietjen beim Feilschen um die Zeit
- »Unser Gewissen zu erforschen«: Karl Würzburger über Schuld und Läuterung
- Die Leere als Fülle: Über Latenzräume und die Rolle Gertrud Wagners
Kapitel 10: Wer oder was ist ein »lateinischer« Dirigent?
- Bayreuther Logik: Von Arturo Toscanini zu Pierre Boulez
- Von der Garantie des ästhetischen Abstands
- Ambivalenzen der Sachlichkeit
- Karajan und andere Italiener
Kapitel 11: Walter Legge oder: Bayreuth am Anfang seines Medienzeitalters
- Sind zwei Firmen eine zu viel?
- Kompetenz und Kälte, oder: Wo sind die neuen Sängerdarsteller?
- Zerplatzter Traum: Das Projekt einer doppelten Tristan-Aufnahme
- Gemischte Ware, gut sortiert: Legges Einfluss bis 1966
Kapitel 12: Wieviel Vergangenheit darf sein? Altmeister, Aufsteiger, Außenseiter
- »Herz und Hirn jeder Aufführung«: Legitimationsstrategien
- Wilhelm Furtwängler als irritierter Berater
- Bayreuth als »Gefühlsfrevel«: Bruno Walter
- Weiter im Angebot: Beethovens Neunte (Erich Kleiber und Paul Hindemith)
Kapitel 13: »NEIN!!! – das dürfen Sie mir nicht antun«: Hans Knappertsbusch
- Ein nützliches Credo und eine Lebenslüge
- Komplexe Komplizenschaft
- Selbstgenuss im Fremdgenuss, oder: Wo bleibt das Agitato?
- »Warum muß das sein?« Musikalische Probenpraxis
Kapitel 14: »Ausdruck eines gewandelten Lebensgefühls«: Karajans Bayreuth
- »Eine Generation heranbilden«: Mitarbeit, Denkmuster, Ansprüche
- Frühe Formen des Leadership
- »Im Kampf mit Wieland Wagner«? Tristan und Isolde 1952
- »Das Maß«: Hörperspektiven der Zeitgenossen
Kapitel 15: Welche Sängerinnen und Sänger passen nach »Neubayreuth«? Aspekte der Besetzungspolitik
- »Keine wie du«: Wie tragfähig ist der Ensemblegedanke?
- Hören, handlungsbestimmend
- Koalitionen, Kündigungen, Gedankenspiele: Tenöre von Gedda bis Windgassen und Wunderlich
- Werben um Hans Sachs: Dietrich Fischer-Dieskau (und andere)
Kapitel 16: Instanz und Prellbock: Wilhelm Pitz und sein Festspielchor
- Wenn die Festspielzeit nie aufhört
- Musikalische als soziale Wirklichkeit
- Klanggewalt und Klanggestalt: Zur Ästhetik des Chorgesangs
- Ohne »Soft Skills« geht es auch: Der Chor als Verfügungsmasse
Kapitel 17: »Bayreuther Fassung«: Tannhäuser als Diskursfeld
- Toscaninis langer Schatten
- Ein »artfremder« Dirigent: Igor Markevitch
- »Jung, hell, durchdringend«: Ringen um eine Synthese
- Wolframs Schweigen
- »Eine sehr leidenschaftliche Drohung«