(Fragment, 1771) BR–WFB I 6 ergänzt von BURGHARD SCHLOEMANN (1935–2025) herausgegeben von Rüdiger Wilhelm
Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784), erstgeborener Sohn von Johann Sebastian Bach (1685–1750) und seiner Frau Maria Barbara Bach (1684–1720) in Weimar, begann seine berufliche Laufbahn als Organist an der Sophienkirche in Dresden (1733–1746).1 Anschließend übernahm er das Amt des Musikdirektors der Hauptkirchen der Stadt Halle und wirkte als Organist an der dortigen Marien- oder Liebfrauenkirche.2 Aus heute nicht mehr eruierbaren Gründen gab Wilhelm Friedemann am 12. Mai 1764 seine Ämter in Halle auf.3 Allerdings siedelte er erst im Jahr 1770 oder 1771 mit seiner Familie nach Braunschweig über.4 Am 17. Mai 1771 bewarb er sich dort um die gerade freigewordene Organistenstelle an der Hauptkirche St. Katharinen. Zugleich bemühte er sich um den Organistendienst an der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis in Wolfenbüttel. Diese Bewerbung zog Bach aber wieder zurück, da der Dienst in Braunschweig besser besoldet war.
Unter den wenigen Nachrichten von Augen- und Ohrenzeugen8 über Wilhelm Friedemann Bachs Orgelspiel sind die Aktenstücke über Bachs Braunschweiger Bewerbung um die Organistenstelle an St. Katharinen im Jahr 1771 von besonderer Bedeutung9. Für die Prüfung der Kandidaten hatte der Braunschweiger Brüdern-Organist E. J. Meineke10 am 26. Mai 1771 eine Liste mit den Prüfungsaufgaben entworfen. Es wurde u. a. verlangt, (1.) dass ein Choral deutlich gespielt, aber auch in einem anderen, entweder höheren oder tieferen Ton transponiert werden kann. (5.) Den Kandidaten wird ein Fugenthema gegeben. Dieses müssen die Kandidaten gehörig behandeln, regelmäßig abspielen, selbst einen Kontrapunkt hinzufügen und den Namen darunterschreiben.11 Nicht von allen Kandidaten haben sich die kleinen Notenblätter mit dem Thema und dem hinzugefügten Kontrapunkt erhalten. Wilhelm Friedemann Bach hat aber im Gegensatz zu den anderen Kandidaten die ganze Exposition seiner Fuge aufgeschrieben. Laut dem Bericht des Braunschweiger Kapellmeisters Johann Gottfried Schwanberger (1740–1804) vom 18. Juni 177112 hat er als einziger Kandidat den aufgegebenen „Choral gehörig transponiert, die Fuge gedoppelt, und mit der größten Fertigkeit und Gründlichkeit ausgeführt (...)”. Gewählt wurde aber der Braunschweiger Clavier- und Orgelbauer Carl Friedrich Wilhelm Lemme (1746–1815).13 Von diesem findet sich in der Bewerbungsakte kein separates Blatt mit dem Thema und dem Kontrapunkt. Neben seinem einwandfreien Lebenswandel wird Lemmes Choralspiel, „worauf es hauptsächlich mit ankommt,” gelobt. So wird vermutet, „daß, wenn er denselben [Choral] auf gleiche Weise zu spielen künftig fortfahren wird, nicht nur die Andacht dadurch befodert, sondern auch die Gemein[d]e bey dem Gesange in guter Ordnung wird erhalten werden, (...)”14.
Obwohl Wilhelm Friedemann Bachs Vorspiel in St. Katharinen in den höchsten Tönen gelobt wurde und er auch der einzige Kandidat war, der alle Prüfungsaufgaben vollständig und erfolgreich lösen konnte, wurde ein einheimischer Bewerber gewählt5. Bach spielte noch Orgelkonzerte im Braunschweiger Dom und in der Wolfenbütteler Marienkirche, wohin ihn der vormalige Braunschweiger Andreas-Organist und Mitbewerber um das Amt an der Braunschweiger Katharinenkirche Johann Friedrich Hobein (ca. 1740–1782) eingeladen hatte. Dieser hatte in Wolfenbüttel die Organistenstelle übernommen. Auch in Berlin, wo Wilhelm Friedemann Bach die Möglichkeiten, als freischaffender Musiker gefördert zu werden, vielversprechender erschienen, gab er noch eine Reihe öffentlicher Orgelkonzerte.6 Während seiner Dresdener Zeit als Organist an der Sophienkirche scheint Wilhelm Friedemann Bach keine Kirchenmusik komponiert zu haben; trotz der sicherlich hervorragenden Gottfried Silbermann-Orgel in seiner Kirche trat er auch als Organist nicht sonderlich hervor. In Halle hat er dann in verschiedene Kantaten Arien für eine Solostimme und konzertierende Orgel geschrieben.7 Es ist anzunehmen, dass er die spieltechnisch anspruchsvollen Orgelparts selbst begleitet hat.